Wissenswertes über unsere Kirche

Die Botschaft der Auferstehung in Beton und Bronze

 

Ehe die evangelische Kirche in Ulm-Böfingen von 1964 bis 66 gebaut wurde, stand schon ihr Name fest: Auferstehungkirche, so vom Kirchengemeinderat unter Leitung von Pfarrer Willi Baasner beschlossen. Der Name war Programm. Die vielen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die Habe und Heimat und Angehörige verloren hatten, denen eine Welt untergegangen war und nun in Böfingen einen Neuanfang wagten, sollten von der Kirche die Botschaft der Hoffnung hören, sehen und erleben.

 

Es gibt nur ganz wenige Kirchen, deren Name zum Programm für ihre bauliche Gestaltung und künstlerische Ausgestaltung wurde. Eine davon ist die Auferstehungs-Kirche. Architekt Heinz Rall aus Stuttgart und Bildhauer Albrecht Kneer aus Königsbronn-Zang haben versucht, das schwierige Thema Auferstehung anschaulich und sogar erlebbar zu machen. Sie ist ein besonders gelungenes Beispiel der Bauweise der 1960er Jahre: Klar in den Formen, beschränkt auf wenige Baumaterialien (Beton, Glas, Kupfer, Holz), erkennbar die symbolischen Aussagen.

 

Wer von Westen kommt, sieht die Kirche zuerst im Profil, den schlanken 40 Meter hohen Turm, das große schützende Dach, die weite, lichtdurchlässige Fensterfront. Das alles ist konsequent aus dem Dreieck heraus gestaltet. Wer auf dem weiten Kirchplatz im Norden steht, sieht die Kirche frontal. Da wirkt sie ganz anders, breit und massig die rechteckige Eingangsfront, das vorragende Dach ansteigend zu dem spitz zulaufenden Turm, der in harmonischer Spannung zu dem wuchtigen Eingang steht und die fünf Glocken beinhaltet. Vom Süden sieht man nur den schlanken Turm, flankiert von dem weit herabgezogenen Dach, oft verglichen mit einer Gluckhenne, die ihre Flügel schützend über ihre Jungen ausbreitet.

 

Der Grundriss der Kirche ist ein gleichseitiges Fünfeck. Eine Seite bildet den Eingang, zwei auseinanderstrebende Seiten weiten den Raum und lassen durch die Fenster Licht ein, zwei weitere bilden in der Front einen Winkel und lenken den Blick nach vorne zum Altarbereich und hinauf in den Turm, wo ein anderes Licht herkommt. Das zeltartige Dach aus rötlich warmem Lärchenholz unterstreicht, dass der Altarbereich das Zentrum der Kirche ist.

 

Die stark durchlässigen Fenster halten die Verbindung nach draußen offen. Auch der Bodenbelag aus rötlichen Porphyrquadern ist derselbe, der auf dem Kirchplatz Verwendung findet. So ist dieser Kirchenraum zwar abgeschlossen und zur stillen Sammlung des Einzelnen wie zum festlichen Feiern der Gemeinde geeignet, aber er will auch durchlässig sein. Die Probleme des Alltags sollen im Gottesdienst Raum haben. Die Botschaft der Bibel soll in den Alltag hinauswirken.

 

Wer in diese Kirche eintritt, befindet sich zuerst in einem niedrigen, dunklen Vorraum, der beengend õnd bedrückend wirkt. Aber er ist nur ein Durchgang. Dahinter weitet sich der Kirchenraum. Er wird nach vorne immer höher und empfängt aus dem Turm indirektes, geheimnisvolles Licht von oben. Man erlebt befreiend die Weite, die Helligkeit"unf"fie Höhe. Der Vorraum will an eine Grabkammer erinnern. Das düstere Grab aber ist nur ein Durchgang, dahinter wird es hell.

 

Sonntag für Sonntag erleben die Menschen, die zum Gottesdienst kommen, ganz körperlich diese dunkle Enge und den Weg in die Weite und in das Licht aus der Höhe. Jeden Sonntag feiert die Gemeinde die Auferstehung Christi und übt sich ein in die Hoffnung, auf die eigene Auferweckung.

 

Hinter dem breiteren, hölzernen Altartisch erhebt sich der hohe Kruzifixus aus Bronze (1965). „Dieser Jesus hängt ja gar nicht richtig!“, sagen die Kinder. Sie haben Recht. Er schwebt über dem Querbalken des Kreuzes, er hat den Tod überwunden. Er lebt. Er blickt uns an. Seine ausgebreiteten Hände laden ein und segnen, als wollte er sagen: „Kommt her, ich will euch neue Kráft und Hoffnung über den Tod hinaus geben.“ Seine leicht herabhängenden Arme nehmen einfühlsam die Neigung des Daches auf. Dieser auferstandene Christus steht zwar in einer Ecke, aber eigentlich ist er der Mittelpunkt des Kirchenraumeq:"cnne Blicke zieht er auf sich; viele Linien zielen auf ihn hin, alle Kraft geht von ihm aus.

 

In dieser Kirche mit ihren klaren Winkeln und Geraden fällt der runde Steinsockel, auf dem Altar und Kreuz stehen, besonders auf. Es ist das einzige Rund. Wenn die Gemeinde beim Abendmahl im Kreis um den Altar steht und den Auferstandenen in ihrer Mitte feiert, wird dieses Rund noch mehr betont und als geistliches Zentrum der Kirche erkennbar. Wie die Ringe eines ins Wasser geworfenen Steines setzt sich dieses Rund in der Anordnung der Stuhlreihen, im Bodenbelag und bis in den Bogen der Brüstung der Orgelempore mit der Orgel der Firma Kleuker von 1967, hinein fort. Die Kraft der Auferstehung will sich ausbreiten, will alle erreichen.

 

Wer die Kirche verlässt, sollte auf das Bronzeportal (geschaffen 1979) achten, dass das „leere Grab“ nach dem Matthäus-Evangelium darstellt. Leer ist es freilich nur für die innerlich unbeteiligten, schlafenden SoldHten mit ihrer feindseligen Lanze (rechter Flügel). Hingegen finden dke"vrcuernden Frauen, die in ihrem Schmerz einander stützen, in dem Grab den Engel in Gestalt eines Blitzes, der sich ihnen und dem Beschauer zuwendet mit der Botschaft: „Fürchtet euch nicht. Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Sagt diese Botschaft weiter.“

 

So vermittelt diese Kirche in ihrer Architektur und künstlerischen Gestaltung die Botschaft der Auferstehung. Ein Trost für alle, die die Gräber ihrer Lieben besuchen und die dem eigenen Tod entgegen gehen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Er ist ein Durchgang. Christus ist auferstanden. Gott wird auch uns auferwecken und in das andere Leben rufen. Das Dunkel wird verwandelt in Licht.